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Die Deportation von 1941 und ihre Folgen

Mit einem Erlass vom 28. August 1941 endete die Geschichte der Wolgakolonien. Was danach geschah, prägt die Familiengeschichte fast aller Russlanddeutschen.

GeschichteStand September 2026Lesezeit 6 Minuten

Der Erlass vom 28. August 1941

Titelseite der Zeitung Bolschewik vom 30. August 1941 mit dem Erlass über die Umsiedlung der Deutschen aus dem Wolgagebiet
Der Erlass auf der Titelseite des „Bolschewik“, Engels, 30. August 1941.Gemeinfrei, über Wikimedia Commons

Das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR erließ am 28. August 1941 den Erlass „Über die Übersiedlung der Deutschen, die in den Wolgarayons wohnen“.1 Zwei Tage zuvor hatten Zentralkomitee und Volkskommissarenrat die Umsiedlung der Deutschen aus der Wolgarepublik und den Gebieten Saratow und Stalingrad beschlossen.2 Der Erlass unterstellte der deutschen Bevölkerung, unter ihr lebten „Tausende und Abertausende Diversanten und Spione“. Belege dafür wurden nie vorgelegt. Als Ziele nannte er die Gebiete Nowosibirsk und Omsk, die Region Altai und Kasachstan. Die Autonome Republik der Wolgadeutschen wurde aufgelöst.1

Die Kolonien waren zu diesem Zeitpunkt bereits schwer gezeichnet. Der Hungersnot von 1921 und 1922 fielen rund 150.000 Wolgadeutsche zum Opfer, in der sogenannten Deutschen Operation der Jahre 1937 und 1938 wurden mindestens 52.000 Russlanddeutsche erschossen.2

Ablauf und Zahlen

Aus der Wolgaregion wurden die Familien im September 1941 abtransportiert. Bis zum 25. Dezember 1941 erfassten die Behörden 894.626 deportierte Deutsche aus dem europäischen Teil der Sowjetunion und dem Südkaukasus, davon 374.717 aus der Wolgarepublik.23

KennzahlWert
Deportierte insgesamt bis 25. Dezember 1941894.626
davon aus der Wolgarepublik374.717
Todesopfer im Zusammenhang mit der Deportationmindestens 150.000Schätzung, andere Angaben bis 300.000 für 1941 bis 1956

Wie viele Menschen an den Folgen starben, lässt sich nur schätzen. Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland nennt mindestens 150.000 Todesopfer, ein Überblick der Evangelischen Kirche in Deutschland geht für die Jahre 1941 bis 1956 von rund 300.000 aus.34

Wohin die Menschen gebracht werden sollten

Erste Seite des maschinengeschriebenen Beschlusses vom August 1941, Vermerk streng geheim, mit der Liste der Zielgebiete und Personenzahlen
Erste Seite des Beschlusses vom 26. August 1941, Vermerk „streng geheim“.GARF, Bestand 9479; Faksimile über Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Der geheime Beschluss von Volkskommissarenrat und Zentralkomitee legte fest, wie viele Menschen in welches Gebiet gebracht werden sollten. Anders als der veröffentlichte Erlass nennt er auch die Region Krasnojarsk. Umzusiedeln waren „alle ohne Ausnahme“, Stadtbewohner wie Dorfbewohner.9

Zielgebiet laut BeschlussPersonen
Region Krasnojarsk70.000
Region Altai91.000
Gebiet Omsk80.000
Gebiet Nowosibirsk92.000
Kasachische SSRSemipalatinsk 10.000, Akmolinsk 20.000, Nordkasachstan 20.000, Kustanai 16.000, Pawlodar 18.000, Ostkasachstan 16.000100.000
Zusammen433.000

Die Anweisung zum Beschluss regelte auch, was die Familien mitnehmen durften: Kleidung, Bettzeug, Geschirr, Lebensmittel, kleines Werkzeug, Geld und Schmuck, zusammen höchstens eine Tonne je Familie. Häuser, Geräte, Vieh und Getreide blieben zurück und wurden nach einem Schätzungsakt an Sonderkommissionen übergeben.9

Die Arbeitsarmee

Ab dem 10. Januar 1942 wurden deutsche Männer von 17 bis 50 Jahren in die Arbeitsarmee eingezogen. Im Oktober 1942 wurde die Spanne auf 15 bis 55 Jahre erweitert, zugleich wurden Frauen von 16 bis 45 Jahren mobilisiert. Ausgenommen waren Schwangere und Mütter von Kindern unter drei Jahren.5 Die Arbeitsarmisten lebten und arbeiteten unter Bedingungen, die denen der Lager entsprachen: in der Industrie, im Bergbau, beim Bau von Straßen und Bahnlinien und in den Wäldern. Aufgelöst wurde die Arbeitsarmee 1946 und 1947.5

Sondersiedlung und Kommandantur

Wer nicht in der Arbeitsarmee war, lebte als Sondersiedler unter Aufsicht der Kommandantur. Den Wohnort durfte niemand ohne Erlaubnis verlassen, 1948 wurde die Verbannung für „ewige Zeiten“ erklärt.4 Erst ein Erlass vom 13. Dezember 1955 hob die Beschränkungen auf. In ihre Dörfer zurückkehren durften die Familien trotzdem nicht, und das 1941 beschlagnahmte Eigentum wurde nicht erstattet.6

Rehabilitierung

Mit dem Erlass vom 29. August 1964 wurden die pauschalen Vorwürfe von 1941 zurückgenommen, veröffentlicht wurde er erst im Januar 1965.2 Die freie Wahl des Wohnorts brachte ein Erlass vom 3. November 1972, am 26. April 1991 folgte das Gesetz der Russischen Sowjetrepublik über die Rehabilitierung der repressierten Völker.7 Vollständig rehabilitiert sind die Russlanddeutschen nach Einschätzung der Bundeszentrale für politische Bildung bis heute nicht.2

Der Weg nach Deutschland

Aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten kamen zwischen 1950 und 2005 rund 2,3 Millionen Aussiedler und Spätaussiedler nach Deutschland. Den Höchststand erreichte der Zuzug 1990 mit 397.000 Menschen. Den Begriff Spätaussiedler gibt es seit dem 1. Januar 1993.8

Ein Leben in den Akten: Alexander Heckmann

Wie tief die Verfolgung reichte, zeigt der Lebenslauf von Alexander Heckmann. Er wurde am 17. August 1908 in Balzer geboren, als Sohn eines Maurers. Ab 1938 war er Vorsitzender des Rates der Volkskommissare, also Regierungschef der Wolgarepublik, und Abgeordneter im Obersten Sowjet der UdSSR.10

Zweisprachiger Abgeordnetenausweis Nummer 76 des Obersten Sowjets der Wolgarepublik von 1938, links deutsch und russisch beschriftet, rechts ein Passfoto mit Stempel
Sein Ausweis als Abgeordneter des Obersten Sowjets der Wolgarepublik, 1938, zweisprachig in Deutsch und Russisch.Archivdokument, 1938
Häftlingsfoto von Alexander Heckmann im Profil und von vorn, darunter handschriftlich Nummer, Name, Vatersname und Geburtsjahr 1908
Sein Häftlingsfoto aus den Akten, beschriftet mit Nummer, Name, Vatersname und Geburtsjahr.Archivaufnahme, Fotograf unbekannt

Am 1. September 1941 wurde er mit seiner Familie nach Minussinsk in der Region Krasnojarsk deportiert. Ab Januar 1942 war er in der Arbeitsarmee, zuerst im Lager Wjatlag im Gebiet Kirow, später auf einer Baustelle des NKWD im Ural. Am 22. Mai 1944 wurde er verhaftet, im Verfahren gegen die frühere Führung der Wolgarepublik, und 1946 zu vier Jahren Lagerhaft verurteilt. 1959 wurde er rehabilitiert. Er starb 1994 in Batumi.1011

Was das für die Familienforschung bedeutet

Deportation, Arbeitsarmee und Sondersiedlung haben Akten hinterlassen: Transportlisten, Registrierungen der Kommandanturen, Personalakten und später Rehabilitierungsbescheinigungen. Sie liegen verstreut in Archiven in Russland und Kasachstan. Für viele Familien sind sie der einzige schriftliche Beleg aus diesen Jahren.

Wurde ein Vorfahr verhaftet, gibt es über ihn eine Strafakte. Darin liegt oft ein Foto, das nach der Verhaftung aufgenommen wurde, wie das von Alexander Heckmann. Für manche Familien ist es das einzige Bild, das von diesem Menschen erhalten ist. Die Akten politisch Verfolgter liegen heute meist in den Archiven des russischen Geheimdienstes FSB oder bei den Informationszentren der Innenbehörden in den Regionen. Wurde die Person rehabilitiert, wie die meisten Verfolgten, können Angehörige Einsicht beantragen und Kopien erhalten.12

Ob es solche Akten zu Ihren Vorfahren gibt, lässt sich nur über eine Anfrage beim zuständigen Archiv klären. Genau das übernimmt Wolgawurzeln als Einzelfallrecherche.

Quellen und Anmerkungen

  1. Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941; Wortlaut und Übersetzung nach der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland und dem Bayerischen Kulturzentrum der Deutschen aus Russland.
  2. Alfred Eisfeld: Nationalitätenpolitik gegenüber der deutschen Minderheit in der Sowjetunion von 1917 bis zur Perestrojka. Bundeszentrale für politische Bildung, bpb.de.
  3. Landsmannschaft der Deutschen aus Russland: Gedenktag der Deportation der Deutschen aus Russland, lmdr.de; Zahlen nach Angaben des KGB.
  4. Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten in der FUEN: Tag der Russlanddeutschen am 28. August; Evangelische Kirche in Deutschland: Ein Überblick der russlanddeutschen Geschichte.
  5. Beschluss Nr. 1123 des Staatlichen Verteidigungskomitees vom 10. Januar 1942 und Folgebeschlüsse vom Oktober 1942; Darstellung nach russlanddeutschegeschichte.de. Eine Quelle nennt für Frauen 46 statt 45 Jahre.
  6. Erlass vom 13. Dezember 1955 über die Aufhebung der Beschränkungen in der Rechtsstellung der Deutschen in den Sondersiedlungen; nach EKD, Überblick der russlanddeutschen Geschichte.
  7. Erlass vom 3. November 1972; Gesetz der RSFSR über die Rehabilitierung der repressierten Völker vom 26. April 1991.
  8. Bundeszentrale für politische Bildung: Aussiedler und Spätaussiedler, Zahlen und Fakten.
  9. Beschluss des Rates der Volkskommissare der UdSSR und des ZK der WKP(b) über die Umsiedlung der Deutschen aus der Republik der Wolgadeutschen sowie den Gebieten Saratow und Stalingrad, 26. August 1941, mit Anweisung (Punkte 12 und 14). Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF), Bestand 9479; Faksimile auf Wikimedia Commons.
  10. Biografie Alexander Heckmann (Гекман, Александр Иванович), russischsprachige Wikipedia, mit Verweis auf GARF, Bestand A259 und R7523; Lexikon der Wolgadeutschen, lexikon.wolgadeutsche.net, Artikel Heckmann.
  11. Buch der Erinnerung des Gebiets Swerdlowsk, Eintrag Гекман Александр Иоганесович (1908), nach Otkrytyj spisok, ru.openlist.wiki: verhaftet 22. Mai 1944, verurteilt 9. August 1946 zu 4 Jahren Besserungsarbeitslager.
  12. Gesetz der Russischen Föderation über die Rehabilitierung der Opfer politischer Repressionen vom 18. Oktober 1991, Artikel 11: Zugang von Rehabilitierten und ihren Angehörigen zu den Akten.