Zwei Schriften, viele Schreibweisen
Russische Behörden schrieben deutsche Namen so, wie sie klangen, in kyrillischen Buchstaben. Wer den Namen später wieder ins lateinische Alphabet übertrug, kannte die ursprüngliche Schreibweise oft nicht mehr. So entstanden in drei Jahrhunderten zahlreiche Varianten desselben Namens. Wer Vorfahren sucht, muss deshalb beide Richtungen kennen.
Wie Laute übertragen wurden
Die Übertragung folgt Regeln, die sich über lange Zeit kaum verändert haben.1 Die wichtigsten:
| Deutsch | Kyrillisch | Beispiel |
|---|---|---|
| sch | ш | Schmidt wird Шмидт |
| s vor Vokal | з | Seelmann wird Зельман |
| z | ц | Zimmermann wird Циммерман |
| h | г, in neueren Texten х | Hoffmann wird Гофман, Heinrich wird Генрих |
| w | в | Weigand wird Вейганд |
| v | ф | Volkmar wird Фолькмар |
| ei, eu | ей, heute auch ай und ой | Geiger wird Гейгер, Reuter wird Рейтер |
| ü | ю, oft auch и | Müller wird Мюллер oder Миллер |
| Doppelkonsonant | oft vereinfacht | Hoffmann wird Гофман |
Besonders folgenreich ist das h: In älteren Dokumenten steht dafür fast immer ein г. Aus Hans wurde Ганс, aus Hoffmann Гофман.
Der Weg zurück ins lateinische Alphabet
Bei der Rückübertragung gehen Informationen verloren. Шмидт kann Schmidt, Schmid oder Schmitt gewesen sein, weil dt, d und tt im Russischen gleich geschrieben werden. Aus Гофман wird im Pass Gofman und im Deutschen wieder Hoffmann oder Hofmann, aus Миллер wird Miller oder Müller, aus Ганс Gans oder Hans.2
Hinzu kommen unterschiedliche Regeln. Russische Reisepässe folgen der Umschrift der internationalen Luftfahrtorganisation, daher Formen wie SHMIDT, GOFMAN oder GENRIKH.3 Beglaubigte Übersetzungen für deutsche Standesämter verwenden dagegen eine Norm, die jedes Zeichen eindeutig überträgt, etwa Šmidt. Ein Mensch kann so drei Schreibweisen desselben Namens haben: im Pass, in der Urkunde und die ursprünglich deutsche.
Vornamen und Vatersnamen
Deutsche Vornamen wurden oft russifiziert: Heinrich zu Andrej, Johann zu Iwan, Friedrich zu Fjodor, Woldemar zu Wladimir, Joseph zu Ossip. Die Moskauer Deutsche Zeitung nennt Beispiele wie Filbina Friedrichowna, aus der Marfa Fjodorowna wurde.4 Eine feste Regel war das nicht, nicht jeder Heinrich wurde zum Andrej.
Der Vatersname wird aus dem Vornamen des Vaters gebildet, bei Männern mit der Endung owitsch oder ewitsch, bei Frauen mit owna oder ewna. Je nachdem, ob man die deutsche oder die russische Form des Vaternamens zugrunde legte, entstand Genrichowitsch oder Andrejewitsch. In derselben Familie kommen beide Formen vor. Für die Forschung ist der Vatersname wertvoll, denn er verrät den Vornamen des Vaters.
Weibliche Formen
Deutsche Familiennamen, die auf einen Konsonanten enden, bleiben für Frauen gleich und werden bei Frauen nicht gebeugt: Елена Шмидт.5 Anders als bei russischen Namen gibt es also meist keine eigene weibliche Form.
Die Namenserklärung nach § 94 BVFG
Spätaussiedler können nach § 94 des Bundesvertriebenengesetzes Namensbestandteile ablegen, die das deutsche Recht nicht kennt, vor allem den Vatersnamen. Sie können die ursprüngliche Form eines abgewandelten Namens annehmen und die deutsche Form ihres Vornamens oder Familiennamens wählen, etwa Waldemar statt Vladimir oder Johann statt Ivan.6 Die Erklärung ist einmalig und unwiderruflich.
Für die Familienforschung heißt das: Die Schreibweise in deutschen Papieren ist oft eine gewählte, keine historische. Wer rückwärts sucht, sollte den Namen immer auch in seiner kyrillischen Form denken.
Bei schwierigen Namensformen ist die richtige Zuordnung Teil jeder Recherche. Wenn Sie wissen möchten, woher Ihr Name stammt, beginnt das mit dem Herkunftsbericht.
Quellen und Anmerkungen
- Regeln der russischen praktischen Transkription für das Deutsche, dargestellt bei Giljarewski und Starostin (1985) und Jermolowitsch (2001).
- dekoder: Russlanddeutsches Diarama, Identität als Eintrittskarte.
- Umschrift nach ICAO Doc 9303, in russischen Reisepässen seit 2013 angewandt.
- Moskauer Deutsche Zeitung, Juni 2025.
- Gramota.ru, Nachschlagewerk zur russischen Sprache, Beugung von Familiennamen.
- § 94 Bundesvertriebenengesetz in der geltenden Fassung; Hinweise des Bundesverwaltungsamts und der Standesämter.