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Die Schwarzmeerdeutschen

Kolonien um Odessa, die Mennonitensiedlungen am Dnjepr, Bessarabien und die Krim: wie die Deutschen ans Schwarze Meer kamen, was aus ihnen wurde und wo ihre Spuren heute liegen.

SiedlungsgebieteStand September 2026Lesezeit 5 Minuten

Ansiedlung ab 1789

Mit den Kriegen gegen das Osmanische Reich gewann Russland im 18. Jahrhundert die Nordküste des Schwarzen Meeres. Das neue Land, Neurussland genannt, sollte besiedelt werden. Als Erste kamen ab 1789 Mennoniten aus Westpreußen. 1803 trafen die ersten Auswanderer aus dem deutschen Südwesten ein, aus Württemberg, Baden, dem Elsass, Lothringen und der Pfalz.1

Anders als bei der Anwerbung für die Wolga wählte die russische Regierung die Siedler nun aus. Gesucht waren tüchtige Bauern und Handwerker mit etwas Vermögen, deren Höfe den Nachbarn als Vorbild dienen sollten.2

Die Kolonien um Odessa

Im Frühjahr 1804 entstanden Großliebental und Kleinliebental als erste deutsche Dörfer bei Odessa.1 In wenigen Jahren wuchsen daraus mehrere Koloniegruppen, jede mit eigener Verwaltung:

  • Liebental, 1804 bis 1806: unter anderem Großliebental, Kleinliebental, Alexanderhilf, Mariental, Lustdorf, Freudental, Peterstal und Josefstal
  • Kutschurgan, 1808: unter anderem Kandel, Selz und Straßburg
  • Glückstal, 1808: unter anderem Glückstal, Neudorf und Bergdorf
  • Beresan, 1809 und 1810: unter anderem Landau, Speyer, Rohrbach, Worms, Sulz, Karlsruhe, Rastatt und München1

Viele Dorfnamen verraten, woher die Siedler kamen. Die Dörfer waren in der Regel entweder evangelisch oder katholisch. Aus den Mutterkolonien gingen im 19. Jahrhundert zahlreiche Tochterkolonien hervor, bis weit in die Steppe hinein.

Die Mennoniten

Die Mennoniten kamen früher und aus einer anderen Richtung. Zwischen 1789 und 1803 wanderten etwa 9.000 Mennoniten aus dem Weichseldelta in Westpreußen nach Südrussland aus, eingeladen von Katharina II. und Paul I.3 Sie gründeten zwei große Mutterkolonien: Chortitza am Dnjepr beim heutigen Saporischschja ab 1789 und Molotschna ab 1804, zusammen fast hundert Dörfer.3

Vor dem Ersten Weltkrieg lebten in Russland ungefähr 120.000 Mennoniten. Sie sprachen Plautdietsch, eine westpreußische Form des Niederdeutschen.3 Ab 1874 wanderten viele nach Kanada und in die USA aus, ab den 1920er Jahren auch nach Mexiko und Paraguay.3 Mennonitische Familien sind deshalb heute über mehrere Kontinente verstreut. Für die Forschung hilft die Datenbank GRANDMA, in der mennonitische Vereine in Nordamerika einen großen Teil der russlandmennonitischen Familien erfasst haben.9

Bessarabien

Bessarabien, das Land zwischen Pruth und Dnjestr, kam 1812 an Russland. Mit einem Manifest vom 29. November 1813 lud Zar Alexander I. deutsche Siedler ein und versprach Land, zinslose Kredite, zehn Jahre Steuerfreiheit, Selbstverwaltung, Religionsfreiheit und Befreiung vom Militärdienst.4 Zwischen 1814 und 1842 kamen rund 2.000 Familien mit etwa 9.000 Menschen. Die ersten waren Deutsche aus dem damaligen Herzogtum Warschau, die Preußen nach den Teilungen Polens dort angesiedelt hatte. Man nannte sie Warschauer Kolonisten. Die übrigen kamen vor allem aus Württemberg, Baden, dem Elsass, der Pfalz und Bayern.4

Bis 1842 entstanden 24 Mutterkolonien, später rund 125 Tochterkolonien.4 Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Bessarabien zu Rumänien. Als die Sowjetunion das Land im Sommer 1940 besetzte, wurde die deutsche Volksgruppe mit etwa 93.000 Menschen vom 2. bis 25. Oktober 1940 umgesiedelt, über die Donau in Lager und von dort ins Deutsche Reich.4 Angesiedelt wurden die meisten im besetzten Polen, von wo sie 1945 nach Westen flohen.

Die Krim

Auf der Krim entstanden ab 1804 die ersten deutschen Kolonien, darunter Herzenberg, Friedental, Heilbrunn, Zürichtal, Neusatz, Rosental und 1810 Kronental. Die Siedler kamen vor allem aus Württemberg, Baden und der Schweiz.5 Später gründeten Familien aus den älteren Kolonien zahlreiche weitere Dörfer in der Steppe der Halbinsel. 1926 lebten 43.631 Deutsche auf der Krim, 6,1 Prozent der Bevölkerung, 1939 etwa 60.000.5

Am 20. August 1941, noch bevor die Wehrmacht die Krim erreichte, ließ die sowjetische Führung fast 53.000 Deutsche von der Halbinsel deportieren, in Viehwaggons, vor allem nach Kasachstan.5 Für diese Familien gelten deshalb dieselben Quellen wie für die Wolgadeutschen: Transportlisten, Akten der Sondersiedlung und Rehabilitierungsunterlagen, beschrieben im Artikel über die Deportation von 1941.

Auswanderung nach Amerika

1871 hob Russland den besonderen Stand der Kolonisten auf, 1874 folgte die allgemeine Wehrpflicht. Für viele Familien war das der Anlass zu gehen. Zwischen 1871 und 1915 wanderten etwa 79.000 evangelische und 37.500 katholische Schwarzmeerdeutsche in die USA aus,1 viele in die Dakotas, weitere nach Kanada und Südamerika. Wer heute in Deutschland Vorfahren vom Schwarzen Meer sucht, hat deshalb oft Verwandte in Nordamerika, die dieselben Dörfer erforschen.

Sowjetzeit und Krieg

Nach 1917 trafen Bürgerkrieg, Hungersnot und Kollektivierung die Kolonien hart. In den 1930er Jahren wurden die Kirchen geschlossen, 1936 auch die deutschen Schulen, und 1937 wurde der katholische Bischof Alexander Frison erschossen.1 Viele Männer verschwanden in den Verhaftungswellen dieser Jahre.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zählten die Schwarzmeerdeutschen rund 326.500 Menschen. Anders als an der Wolga gelang der sowjetischen Führung 1941 nur ein Teil der Deportationen, betroffen waren etwa 18.000 bis 40.000 Menschen.1 Die meisten Dörfer kamen unter deutsche oder rumänische Besatzung. Das Gebiet zwischen Dnjestr und Bug verwaltete Rumänien als Transnistrien, die deutschen Dörfer dort unterstanden dem Sonderkommando R der Volksdeutschen Mittelstelle.1

Aus den Dörfern wurde ein bewaffneter Selbstschutz gebildet. Seine Angehörigen waren an der Ermordung von Juden beteiligt: Im Winter 1941/42 wurden rund 28.000 Juden in deutsche Dörfer Transnistriens gebracht und ermordet.16

Als die Front 1943 zurückkam, brachte die Volksdeutsche Mittelstelle die Deutschen nach Westen. Mit Trecks und Zügen gelangten rund 228.000 Menschen ins Altreich und in den Warthegau, darunter etwa 73.000 in der sogenannten Schwarzmeeraktion von August 1943 bis Mai 1944 und etwa 135.000 aus Transnistrien von Februar bis Juli 1944.1 Dort wurden sie von der Einwandererzentralstelle erfasst und eingebürgert. Im Winter 1945 holte sie die Rote Armee ein. Wer nicht in den Westen gelangte oder dort von den Westalliierten ausgeliefert wurde, kam zurück in die Sowjetunion, in Sondersiedlungen und Arbeitslager, viele nach Kasachstan.1 Die meisten konnten erst Jahrzehnte später als Spätaussiedler nach Deutschland kommen.

Quellen für die Familienforschung

Für Familien vom Schwarzen Meer ist die Quellenlage oft besser als für Wolgadeutsche, weil viele von ihnen 1940 oder 1943 und 1944 durch die deutschen Einbürgerungsbehörden gingen.

  • Einbürgerungsakten der Einwandererzentralstelle im Bundesarchiv, Bestand R 69: Stammblätter, Lebensläufe, Fotos und Ahnentafeln, oft über mehrere Generationen.8 Da die Akten im Rahmen nationalsozialistischer Prüfungen entstanden, müssen sie kritisch gelesen werden.
  • Kirchenbücher: Die lutherischen Gemeinden schickten von 1833 bis 1885 Abschriften ihrer Einträge an das Konsistorium in Sankt Petersburg. Diese Duplikate sind erhalten.
  • Staatsarchiv des Gebiets Odessa: Akten der Kolonialverwaltung, darunter Revisionslisten der Kolonien.
  • Auswandererlisten: Karl Stumpp hat die Auswanderung aus Deutschland nach Russland von 1763 bis 1862 mit Herkunftsorten zusammengestellt.7 Für die Schwarzmeerkolonien führt sie oft zurück in ein Dorf in Baden, im Elsass oder in Württemberg.
  • Mennoniten: die Datenbank GRANDMA.9
  • Bessarabien: Der Bessarabiendeutsche Verein in Stuttgart unterhält ein Heimatmuseum und eine Abteilung für Familienkunde.

Aus welcher Kolonie Ihre Familie stammt, klärt der Herkunftsbericht. Für Vorfahren mit Namen und Daten, etwa aus den Einbürgerungsakten, gibt es die Einzelfallrecherche.

Quellen und Anmerkungen

  1. Wikipedia, Artikel „Schwarzmeerdeutsche“, de.wikipedia.org, abgerufen im September 2026.
  2. Detlef Brandes: Von den Zaren adoptiert. München 1993.
  3. Wikipedia, Artikel „Russlandmennoniten“, de.wikipedia.org, abgerufen im September 2026.
  4. Wikipedia, Artikel „Bessarabiendeutsche“, de.wikipedia.org, abgerufen im September 2026.
  5. Wikipedia, Artikel „Krimdeutsche“, de.wikipedia.org, abgerufen im September 2026.
  6. Eric C. Steinhart: The Holocaust and the Germanization of Ukraine. Cambridge 2015.
  7. Karl Stumpp: Die Auswanderung aus Deutschland nach Russland in den Jahren 1763 bis 1862. Tübingen 1972.
  8. Bundesarchiv: Bestand R 69, Einwandererzentralstelle, Bestandsbeschreibung.
  9. California Mennonite Historical Society: GRANDMA, Genealogical Registry and Database of Mennonite Ancestry.